09.06.2012 - Die CD-Tipps von Bongartz Musik im Mai und Juni 2012
Abdallah Oumbadougou "Zozodinga"
Ein Kamel-Ritt durch die Wüste
Was Tamikrest und Bombino in den letzten Jahren neu belebt haben, findet bei Abdallah Oumbadougou seine wunderbare Fortführung. Ebenso wie Bombino, kommt der Mann mit dem wüsten Nachnamen aus Agadez, einer Stadt in Niger. Und es gibt tatsächlich noch mehr Gemeinsamkeiten - vor Allem musikalisch. Dennoch schafft es auch Abdallah Oumbadougou seinen eigenen Weg zu gehen und dem typischen Tuareg-Wüsten-Blues eine weitere Ausprägung hinzu zu fügen: mehr Songwriting und Abwechlung. Wo Bombino trancig wirkt und flirrend den Rhythmus circulär wiederholt, steht bei dem wesentlich älteren Abdallah Oumbadougou das Lied im Vordergrung. Trotzdem behält er die Eigenheiten afrikanischer Rhythmik bei und kann sie hervorragend reiten, und natürlich ist auch dieser Mann der Ténéré-Wüste ein ausgezeichneter Gitarrist, der seine Finger über die Seiten tanzen lä sst. Dazu ist sein erstes internationales Album "Zozodinga” vom Klangspektrum so frisch und klar wie ein Morgen zwischen den Dünen und wirkt wacher als der meditativere Bombino, wenngleich auch Abdallah, dem Bruder im Geiste, eine allgegenwärtige Gelassenheit in die Wiege gelegt wurde. Mit Abdallah Oumbadougou begrüßen wir also einen weiteren, leuchtenden Stern am musikalischen Tuareg-Himmel. Salaam.
Mr. Day "Dry Up In The Sun"
Soul-Rock aus Frankreich in Bestform - gutlaunig und sehr groovy!
Das letzte Album ging vor zwei Jahren ein wenig unter und auch sonst gehörte die Band aus Lyon noch nicht zu unseren großen Entdeckungen. Mit dem neuem Vertrieb und verbessertem Sound allerdings, schwingt sich Mr. Day mit "Dry Up In The Sun” auf, den Sommer-Soul des Jahres zu befeuern. Leicht schmutzige Gitarren, ein lockerer, ziemlich in die Beine gehender Groove und der dazu passende Gesang mit viel Herz und ein wenig Falsett, geben dem neuen Album das, was man wohl hinlänglich als "Klasse” bezeichnet. Vom ersten bis zum letzten Track brennen sich die 43 Minuten in den Kopf. Und auch die etwas ruhigeren Stücke, die das Quintett mit Hingabe zelebriert, lassen keine Wünsche offen. Dabei versuchen sich Mr. Day nicht am 100% Retro-Sound einer Sharon Jones oder eines Raphael Saadiq, sondern rocken trocken wie Audra Mae oder die Alabama Shakes ihre Lieder durch die Lautspre cher. Wow - diese Platte macht reichlich Laune und hinterlässt bei jedem Track ein recht ausgedehntes Grinsen zwischen den Ohren. Es fällt schwer, dieses Album wieder aus dem Player zu nehmen und nicht in Dauerschleife laufen zu lassen.
Chymera "Death By Misadventure"
In die Tiefe des Raumes
Chymera, der Labelkollege von Kollektiv Turmstraße, überzeugt auf seinem Album-Debüt mit einer tiefgehenden Mischung aus vielen spacigen Downtempo-Nummern und wenigen, treibenderen Sonnenuntergangs-Tracks. Von den ersten Klängen an begeben wir uns auf eine Reise. Wohin diese geht, bleibt, wie so oft bei elektronischer Musik, glücklicherweise den HörerInnen vorbehalten. Auch wenn Bilder von sanften Wellen, südlicher Sonne und entspannter Chillout-Stimmung sehr nahe liegen, lässt Chymera traumhafte Welten und unendliche Weiten entstehen und könnte dennoch auch den Tanzboden bedienen. Der Wahl-Berliner und gebürtige Ire Brendan Gregoryi entpuppt sich auf "Death By Misadventure” als Magier des Tempo. Mit jedem Lied nähert er sich zwar einerseits dem tanzbaren Clubsound an, bleibt aber seiner Linie treu, dieses mit flächigen Klängen zu tun, so dass man fast glaubt, man würde auf einem Sternenteppich langsam ins flackernde Diskolicht niederschweben, es aber vorerst nicht erreichen. Einen wahrhaftigen Höhepunkt erreicht das Album dann z.B. mit "Trapped In Amber”, das fast ohne Beats auskommt und elfengleiche Gesänge freisetzt, die an sich bereits fliegen. Der wohl zwingendste Tanz-Track ist "Strange Things Are Afoot”, welcher gleichzeitig die erste Vinyl-Maxi des Albums darstellt. Wer Lust auf ein Album voller feiner Sounds und sanfter Spacedisco-Beats hat, wird mit Chymera befriedigt sein.
Sarazino "Everyday Salama"
Lockerer Sommer-Reggae aus Südamerika
Der Weltenbummler Lamine Fellah aka Sarazino bringt mit "Everyday Salama” seine zweite, auch in Deutschland erhältliche Scheibe raus und liegt damit jahreszeitlich voll im Trend. Im Stile eines Manu Chao, wenn auch ein wenig entspannter, lässt er die Zuhörerschaft zu lockeren Reggae-Klängen mit spanischen Texten ins Wippen kommen. Eingeladen hat er dazu ein paar befreundete Musiker aus aller Welt, die seine Band gesanglich unterstützen und das Album zu einer ziemlich abwechslungsreichen und eingängigen Geschichte machen. Die möglicherweise bekanntesten Teilnehmer an Sarazinos Projekt sind die Sierra Leone’s Refugee All Stars, die mit "Vagaré” den langsamsten, aber nicht minder schönen Beitrag liefern. Doch auch Sarazinos "alte” Band Novalima ist mit von der Partie und ein gewisser Amparo Sanchez, der schon zusammen mit den Calexico-Jungs eine Platte e ingespielt hat. Die Aufnahmen zu "Everyday Salama” wurden in Quito, der höchstgelegenen Hauptstadt der Welt eingespielt - nicht nur dadurch tropft ihnen die südamerikanische Lebensfreude aus allen Poren. Sarazino bringt Sommer, Sonne und musikalische Höhenflüge auf einen Punkt und animiert eindeutig zum Tanzen und Lächeln. Wer also Lust auf das eine oder andere (oder beides) hat, wird mit dieser Platte glücklich werden.
Crocodiles "Endless Flowers"
Post-Punk-Indie-Pop aus Kalifornien
Mit ihrem dritten Album können sich die Crocodiles einen echten Namen machen. Die Indie-Rocker aus San Diego nehmen von Anfang an kein Blatt vor den Mund und rocken gleich mit dem Titellied "Endless Flowers” hitverdächtig nach vorne - eine Richtung, die sie selten verlassen. Und obwohl ihr Album nur so vor tiefer hängenden Gitarren strotzt, der Sound gerne mal an dreckige Garagen und Shoegaze erinnert, kommt immer wieder ein sehr gutes Melodie-Gespür zum Vorscheinen, das die 10 Lieder der Crocodiles zu Indie-Ohrwürmern macht. Der zumeist langsam über den druckvollen Songs schwebende Gesang wirkt dabei manchmal sogar fast verträumt. Durch die mitschwingende Post-Punk-Attitüde wird "Endless Flowers” dennoch niemals zu einem glatten Ohrenschmeichler, selbst wenn man das Album erstaunlich gut durchhören kann. Einzig das zweiminütige sehr experimentel le Intro zu "My Surfing Lucifer” bildet einen verstörend psychedelischen Ausreißer, der ähnlich rätselhaft bleibt, wie das nicht ganz jugendfreie Cover. Damit sind aber die Seltsamkeiten auch schon aufgezählt und man kann sich wieder von den Crocodiles mitziehen lassen. Und das macht Spaß.
Abdallah Oumbadougou "Zozodinga"
Ein Kamel-Ritt durch die Wüste
Was Tamikrest und Bombino in den letzten Jahren neu belebt haben, findet bei Abdallah Oumbadougou seine wunderbare Fortführung. Ebenso wie Bombino, kommt der Mann mit dem wüsten Nachnamen aus Agadez, einer Stadt in Niger. Und es gibt tatsächlich noch mehr Gemeinsamkeiten - vor Allem musikalisch. Dennoch schafft es auch Abdallah Oumbadougou seinen eigenen Weg zu gehen und dem typischen Tuareg-Wüsten-Blues eine weitere Ausprägung hinzu zu fügen: mehr Songwriting und Abwechlung. Wo Bombino trancig wirkt und flirrend den Rhythmus circulär wiederholt, steht bei dem wesentlich älteren Abdallah Oumbadougou das Lied im Vordergrung. Trotzdem behält er die Eigenheiten afrikanischer Rhythmik bei und kann sie hervorragend reiten, und natürlich ist auch dieser Mann der Ténéré-Wüste ein ausgezeichneter Gitarrist, der seine Finger über die Seiten tanzen lä sst. Dazu ist sein erstes internationales Album "Zozodinga” vom Klangspektrum so frisch und klar wie ein Morgen zwischen den Dünen und wirkt wacher als der meditativere Bombino, wenngleich auch Abdallah, dem Bruder im Geiste, eine allgegenwärtige Gelassenheit in die Wiege gelegt wurde. Mit Abdallah Oumbadougou begrüßen wir also einen weiteren, leuchtenden Stern am musikalischen Tuareg-Himmel. Salaam.
Mr. Day "Dry Up In The Sun"
Soul-Rock aus Frankreich in Bestform - gutlaunig und sehr groovy!
Das letzte Album ging vor zwei Jahren ein wenig unter und auch sonst gehörte die Band aus Lyon noch nicht zu unseren großen Entdeckungen. Mit dem neuem Vertrieb und verbessertem Sound allerdings, schwingt sich Mr. Day mit "Dry Up In The Sun” auf, den Sommer-Soul des Jahres zu befeuern. Leicht schmutzige Gitarren, ein lockerer, ziemlich in die Beine gehender Groove und der dazu passende Gesang mit viel Herz und ein wenig Falsett, geben dem neuen Album das, was man wohl hinlänglich als "Klasse” bezeichnet. Vom ersten bis zum letzten Track brennen sich die 43 Minuten in den Kopf. Und auch die etwas ruhigeren Stücke, die das Quintett mit Hingabe zelebriert, lassen keine Wünsche offen. Dabei versuchen sich Mr. Day nicht am 100% Retro-Sound einer Sharon Jones oder eines Raphael Saadiq, sondern rocken trocken wie Audra Mae oder die Alabama Shakes ihre Lieder durch die Lautspre cher. Wow - diese Platte macht reichlich Laune und hinterlässt bei jedem Track ein recht ausgedehntes Grinsen zwischen den Ohren. Es fällt schwer, dieses Album wieder aus dem Player zu nehmen und nicht in Dauerschleife laufen zu lassen.
Chymera "Death By Misadventure"
In die Tiefe des Raumes
Chymera, der Labelkollege von Kollektiv Turmstraße, überzeugt auf seinem Album-Debüt mit einer tiefgehenden Mischung aus vielen spacigen Downtempo-Nummern und wenigen, treibenderen Sonnenuntergangs-Tracks. Von den ersten Klängen an begeben wir uns auf eine Reise. Wohin diese geht, bleibt, wie so oft bei elektronischer Musik, glücklicherweise den HörerInnen vorbehalten. Auch wenn Bilder von sanften Wellen, südlicher Sonne und entspannter Chillout-Stimmung sehr nahe liegen, lässt Chymera traumhafte Welten und unendliche Weiten entstehen und könnte dennoch auch den Tanzboden bedienen. Der Wahl-Berliner und gebürtige Ire Brendan Gregoryi entpuppt sich auf "Death By Misadventure” als Magier des Tempo. Mit jedem Lied nähert er sich zwar einerseits dem tanzbaren Clubsound an, bleibt aber seiner Linie treu, dieses mit flächigen Klängen zu tun, so dass man fast glaubt, man würde auf einem Sternenteppich langsam ins flackernde Diskolicht niederschweben, es aber vorerst nicht erreichen. Einen wahrhaftigen Höhepunkt erreicht das Album dann z.B. mit "Trapped In Amber”, das fast ohne Beats auskommt und elfengleiche Gesänge freisetzt, die an sich bereits fliegen. Der wohl zwingendste Tanz-Track ist "Strange Things Are Afoot”, welcher gleichzeitig die erste Vinyl-Maxi des Albums darstellt. Wer Lust auf ein Album voller feiner Sounds und sanfter Spacedisco-Beats hat, wird mit Chymera befriedigt sein.
Sarazino "Everyday Salama"
Lockerer Sommer-Reggae aus Südamerika
Der Weltenbummler Lamine Fellah aka Sarazino bringt mit "Everyday Salama” seine zweite, auch in Deutschland erhältliche Scheibe raus und liegt damit jahreszeitlich voll im Trend. Im Stile eines Manu Chao, wenn auch ein wenig entspannter, lässt er die Zuhörerschaft zu lockeren Reggae-Klängen mit spanischen Texten ins Wippen kommen. Eingeladen hat er dazu ein paar befreundete Musiker aus aller Welt, die seine Band gesanglich unterstützen und das Album zu einer ziemlich abwechslungsreichen und eingängigen Geschichte machen. Die möglicherweise bekanntesten Teilnehmer an Sarazinos Projekt sind die Sierra Leone’s Refugee All Stars, die mit "Vagaré” den langsamsten, aber nicht minder schönen Beitrag liefern. Doch auch Sarazinos "alte” Band Novalima ist mit von der Partie und ein gewisser Amparo Sanchez, der schon zusammen mit den Calexico-Jungs eine Platte e ingespielt hat. Die Aufnahmen zu "Everyday Salama” wurden in Quito, der höchstgelegenen Hauptstadt der Welt eingespielt - nicht nur dadurch tropft ihnen die südamerikanische Lebensfreude aus allen Poren. Sarazino bringt Sommer, Sonne und musikalische Höhenflüge auf einen Punkt und animiert eindeutig zum Tanzen und Lächeln. Wer also Lust auf das eine oder andere (oder beides) hat, wird mit dieser Platte glücklich werden.
Crocodiles "Endless Flowers"
Post-Punk-Indie-Pop aus Kalifornien
Mit ihrem dritten Album können sich die Crocodiles einen echten Namen machen. Die Indie-Rocker aus San Diego nehmen von Anfang an kein Blatt vor den Mund und rocken gleich mit dem Titellied "Endless Flowers” hitverdächtig nach vorne - eine Richtung, die sie selten verlassen. Und obwohl ihr Album nur so vor tiefer hängenden Gitarren strotzt, der Sound gerne mal an dreckige Garagen und Shoegaze erinnert, kommt immer wieder ein sehr gutes Melodie-Gespür zum Vorscheinen, das die 10 Lieder der Crocodiles zu Indie-Ohrwürmern macht. Der zumeist langsam über den druckvollen Songs schwebende Gesang wirkt dabei manchmal sogar fast verträumt. Durch die mitschwingende Post-Punk-Attitüde wird "Endless Flowers” dennoch niemals zu einem glatten Ohrenschmeichler, selbst wenn man das Album erstaunlich gut durchhören kann. Einzig das zweiminütige sehr experimentel le Intro zu "My Surfing Lucifer” bildet einen verstörend psychedelischen Ausreißer, der ähnlich rätselhaft bleibt, wie das nicht ganz jugendfreie Cover. Damit sind aber die Seltsamkeiten auch schon aufgezählt und man kann sich wieder von den Crocodiles mitziehen lassen. Und das macht Spaß.







